Eltern Partnerschaft

Patchworkfamilie: So funktioniert es!

Patchworkfamilien
Redaktion ma-gazin
Geschrieben von Redaktion ma-gazin

Patchworkfamilien scheinen so normal, dabei sind sie eigentlich ein ziemlich neues Gebilde. Es gab mal so etwas wie die “normale” Familie: Mutter, Vater, zwei Kinder. Heute sind alle denkbaren Kombinationen von Eltern und Kindern zum Alltag geworden. Dieses Personenchaos kann natürlich eine tolle Erfahrung für alle Familienmitglieder sein – oder zu einem großen Problem werden. Wir haben mit der Familientherapeutin und Autorin Doris Beerli gesprochen.


 

 

120614_Patchwork_200x200_US_weiss

 

Doris Beerli ist Co-Autorin des Buches “Patchwork-Familie, ja! – 9 Bedingungen, damit’s gelingt“. Darin werden häufige Probleme in Patchworkfamilien beschrieben und Lösungen vorgeschlagen. Denn eine Patchworkfamilie zu gründen, die funktioniert, ist alles andere als einfach. Wichtig ist, dass die Partner ihre Beziehung zueinander stabilisieren und klare Regeln für das Zusammenleben festlegen.

Bei dem Wort “Patchworkfamilie” denken viele an Probleme, Streit und Eifersucht. Sind Patchworkfamilien wirklich anfälliger für Probleme? Sind sie die schlechteren Familien? 

Doris Beerli: Patchworkfamilien sind durchaus nicht per se schlechtere Familien als herkömmliche Familien. Jedoch sind in Patchworkfamilien die Beziehungen komplex und somit anspruchsvoll. Elternpaar und Liebespaar sind nicht identisch; die Beziehung zu den Kindern ist älter als die zum Lebenspartner; ein Elternteil lebt ausserhalb der Familie und prägt mit; alle Kinder oder ein Teil der Kinder haben unterschiedliche Eltern; Kinder und mindestens ein Erwachsener haben in der Vergangenheit einen Beziehungsverlust erlebt, je nach dem traumatisch. Das sind Herausforderungen, die bewältigt werden müssen. Mitglieder einer Patchworkfamilie brauchen einen langen Atem fürs Zusammenwachsen und eine hohe Toleranz für Andersartigkeit. Wenn das gelingt, dann ist das Familienleben reich und bunt, analog zum Patchworkteppich.

Was sind häufige Probleme in Patchworkfamilien?

Doris Beerli: Die Paarbeziehung ist jung, vielleicht noch wenig stabil und das Paar ist von Anfang an mit Kindern konfrontiert und hat wenig Zeit für sich, um die Beziehung aufbauen zu können. Der Liebe Raum und Zeit geben und unbeschwerte Zeiten zu zweit abmachen ist wichtig. Ein Zusammenziehen, eine gemeinsame Wohnung,  soll gut überlegt sein. Es macht Sinn, sich Zeit dafür zu lassen und zuerst die verschiedenen Beziehungsgefüge miteinander vertraut zu machen. Die Kinder “mischen” mit. Falls Kinder von beiden Seiten her dazukommen, sollte man mit Wochenenden und Ferien beginnen, d.h. Patchworkfamilie “ausprobieren” und immer wieder auch Zeiten separat in den bisherigen Teilfamilien verbringen.
Vielleicht mischen Ex-Partner mit. Vielleicht ist die Ablösung von Ex-Partnern noch nicht vollzogen. Nicht selten sind auch Geldfragen ein grosses Thema, z.B. fliessen die Unterhaltszahlungen nicht, die Partnerin kann nur einer Teilzeitarbeit nachgehen, die Erwachsenen haben unterschiedliche Lebensstqandarts. Fragen, die zu Spannungen führen können, wenn sie nicht geklärt werden.

Das dritte Kapitel Ihres Buches heißt “Kinder anerkennen: Elternbindung ist stärker als Paarbindung” – Was tut man denn, wenn der Partner eifersüchtig auf das eigene Kind ist?

Doris Beerli: Vielleicht sind ein Elternteil und die Kinder eine lange Zeit allein gewesen, bis ein neuer PartnerIn dazukommt, und da hat sich eventuell eine tiefe, vielleicht sogar eine partnerersetzende Beziehung zwischen Elternteil und Kind entwickelt. Da ist es für einen neuen ParnterIn nicht einfach, dazuzukommen und den eigenen Platz zu finden. Neue Partner müssen wissen, dass die Beziehung zum Kind stark ist, eventuell stärker als die Beziehung zum neuen Parnter. Er/Sie sollte nicht rivalisieren mit den Kindern. Jedoch muss sich der Elternteil darum bemühen, dass immer wieder Zeiten mit dem neuen Parnter/der neuen Partnerin ohne Kinder möglich sind, um die Beziehung stärken. Neue Partner sollten dabei nicht in die Erziehungsverantwortung hineingezogen werden. Wichtig ist auch, die Kinder zu informieren, dass Mama oder Papa nun einen neuen Partner/eine neue Partnerin hat. Wenn der Patner/die Partnerin auf das Kind eifersüchtig ist, muss den Gründen der Eifersucht nachgegangen  und in der Paarbeziehung geklärt werden.

Muss man sein Stiefkind genauso lieben und behandeln wie das eigene?

Doris Beerli: Nein, es kann kein Anspruch auf Liebe gemacht werden. Der Elternteil muss es dem neuen Partner, der neuen Partnerin jedoch ermöglichen, dass zum Kind ein Kontakt aufgebaut werden kann, dass eine Beziehung entstehen kann. Respektvoller Umang kann eingefordert werden, von jedem zu jedem. Neue Parnter setzen sich zu stark unter Druck, wenn sie denken, sie müssten das Kind lieben, oder gleich gern haben wie eigene Kinder. Jedoch dürfen in der Behandlung der Kinder keine Unterschiede gemacht werden – eigene Kinder sollten nicht mehr bekommen oder andere Regeln. In einer Patchworkfamilie handeln die erwachsenen Partner die Familienregeln miteinander aus und setzen diese bei den eigenen Kindern durch, so dass für alle das Gleiche gilt.

Sind viele Bezugspersonen ein Problem für die Kinder von Patchworkfamilien?

Doris Beerli: Viele Bezugspersonen können für Patchworkkinder eine große Bereicherung sein. Wenn das Familienleben funktioniert und wenn der Umgang untereinander freundschaftlich familiär ist, dann höre ich immer wieder von allen Beteiligten, wie toll es ist, mit so vielen Menschen zusammenleben zu können. Voraussetzung ist, dass der Umgang unteinander gut ist, dann können die Vorteile einer Patchworkfamilie sogar überwiegen gegenüber den herkömmlichen Familien.
Weitere Infos zum Thema Patchworkfamilie findet ihr hier.
Titelbild: © OlegD – Fotolia.com

Über den Autor

Redaktion ma-gazin

Redaktion ma-gazin

2 Kommentare

  • Hallo, ich lebe als Stiefmutter seit 12 Jahren Patchworkfamilie. Mit meinem Partner dessen 1. Frau gestorben ist und mir die ich geschieden bin. Jeder hat 2 Kinder, wir gingen sehr blauäugig in diese Beziehung ohne die wesentlichen Themen genau zu durchdenken und ich kann nur sagen die ersten Jahre waren schlimm. Seine Tochter hat mich abgewiesen und fühlte sich von ihrem Platz den sie eingenommen hatte, nämlich den als Partnerin ihres Vaters, vertrieben. und so entstanden viele Konflikte. Mein Mann hat den Kindern gegenüber bis heute ein schlechtes Gewissen was die Sache nicht einfacher macht, obwohl drei der Kinder bereits ausgezogen sind und erwachsen. Nach meiner Erfahrung würde ich sollte ich in so eine Lage kommen vorher viel mehr bedenken und abwägen und eher auf eine solche Partnerschaft verzichten oder zumindest es mit getrennten Wohnungen versuchen, sodass man nur die freie Zeit alleine mit dem Partner hat und jeder für seine Kinder da ist.

Hinterlasse ein Kommentar