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Medienkompetenz bei Klein- und Grundschulkindern in Corona-Zeiten

Medienkompetenz
Helena
Geschrieben von Helena

Wissen, was das Kind konsumiert!

Corona sorgt seit Monaten dafür, dass Kinder und Jugendliche mehr Zeit mit digitalen Medien verbringen. Erziehungsexperten und Ärzte schlagen deshalb Alarm. Und weil Medienkompetenz eben nicht durch ständige Verbote, sondern durch einen bedachten und verantwortungsvollen Umgang und Konsum erreicht werden kann, verrät euch die Kleinkind-Pädagogin, Expertin für frühkindliche Entwicklung und Kindsgut-Produkt-Managerin Sarah Maria Röckel einige hilfreiche Tipps!


Kindern und Jugendlichen den Konsum digitaler Medien zu verbieten, ist nicht nur in der Corona-Pandemie wenig sinnvoll. Schließlich sind digitale Medien aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Die Kleinkind-Pädagogin, Expertin für frühkindliche Entwicklung und Kindsgut-Produkt-Managerin Sarah Maria Röckel gibt euch deshalb einige Tipps, wie ihr eure Kids zu kompetenten Mediennutzern machen könnt.

Ab wann ist es aus deiner Sicht sinnvoll, Kinder digitale Medien konsumieren zu lassen und was gilt es dabei zu beachten?

Sarah: Wenn möglich, würde ich nicht vor dem dritten Lebensjahr damit anfangen, Kinder diese regelmäßig konsumieren zu lassen. Allerdings gibt es natürlich Ausnahmen, die diese Regel bestätigen. Gibt es zum Beispiel schon ältere Geschwisterkinder, ist es fast unmöglich, dass kleinere Kinder nicht auch schon etwas „Screen Time“ mitbekommen. Und besonders in Zeiten von Corona, in denen viele Eltern Homeoffice und Kinderbetreuung unter einen Hut bekommen müssen, sind fünf bis zehn Minuten ein altersgerechtes Video schauen ab und an manchmal die Rettung – das weiß ich aus eigener Erfahrung 😉 Es ist schön, Prinzipien zu haben, aber Eltern sollten auch nicht zu streng mit sich (und ihren Kindern) sein, wenn es mal eine Ausnahme geben „muss“. Die Gründe dafür sind so individuell wie jede Familie!

Generell gilt für mich beim Medienkonsum von Klein-Kindern eine wichtige Faust-Regel: Dass man als Eltern oder als erwachsene Betreuungsperson immer ganz genau weiß, was das Kind konsumiert. Oft ist es auch sinnvoll, im Anschluss über das Gesehene zu sprechen. Werden Serien, Videos etc. das erste Mal geschaut – unbedingt mit dazu setzen.

Was bedeutet für dich Medienkompetenz bei Klein- und Grundschulkindern?

Sarah: Für mich ist Medienkompetenz ein Begriff, der stetigem Wandel ausgesetzt ist. Wie auch die Funktionen und Vielfältigkeit der digitalen Medien sich ständig ändern, so muss sich auch der Begriff diesem Wandel anpassen. Im Großen und Ganzen geht es meiner Meinung nach bei Medienkompetenz darum, dass Kinder die „richtigen“ Fähigkeiten in Bezug auf Medien erlernen, sprich: einen gesunden und reflexiven Umgang mit den Medien, die sie nutzen, zu kennen und zu können. Hierzu gehört neben der klassischen Bedienkompetenz auch, dass Kinder sich der eigenen Mediennutzung bewusst sind. Für welche Zwecke nutzen Kinder welche Medien, was sind ihre Erfahrung bei der Benutzung dieser Medien und verfügen sie über die nötigen Kenntnisse, Medien ab einem gewissen Alter nicht nur zu konsumieren, sondern auch mitzugestalten?

Bei Kleinkindern müssen viele dieser Kompetenzen eher von den Erwachsenen übernommen werden. Aber schon im Grundschulalter lohnt es sich, diese Themen mit den Kindern anzugehen.

Für ältere Kinder, die Medien immer öfter auch alleine konsumieren, sind dann anschließende Themen wie Cybersicherheit, Jugendfreiheit sowie das Einordnen und Bewerten von Informationen wichtige Themen, die Eltern mit ihren Kindern besprechen und üben müssen.

Der Lockdown führt dazu, dass Kinder viel Zeit am Smartphone, Tablet, Computer, mit Spielekonsolen und vorm Fernseher verbringen. Sollten Eltern derzeit nachsichtiger sein und ab wann ist es trotz allem zu viel?

Sarah: Für uns alle ist diese Zeit eine unglaubliche Herausforderung! Aber besonders Eltern leiden  unter der enormen Dauer- und Mehrfachbelastung. Ich denke, es sollte sich kein Elternteil Vorwürfe oder Stress machen, dass die eigenen Kinder gerade etwas länger vor dem Fernseher sitzen, als es eigentlich wünschenswert ist. Wenn ansonsten genug andere Aktivitäten vorhanden sind, ist es aus meiner Sicht unbedenklich. Wenn das Kind aber gar nichts anderes mehr machen möchte, sollte man rechtzeitig einschreiten.

Generell gilt die Faustregel, dass für Kinder ab drei bis fünf Jahren ca. 30 Minuten Bildschirmzeit ein guter Zeitrahmen sind. Ab sechs Jahren wird eine tägliche Zeit von maximal einer Stunde empfohlen.

Die Risiken, die das Internet für Kinder und Jugendliche mit sich bringt, sind vielfältig und reichen von heimlichen Internetkäufen, Cyber-Mobbing bis hin zum Cyber-Grooming. Auch Kinderschutz-Apps schützen Kinder nicht komplett vor den Gefahren des World Wide Web. Wie können Eltern Klein- und Grundschulkinder noch besser schützen?

Sarah: Das ist ein Aspekt der Mediennutzung, der mich immer wieder sagen lässt: Ihr müsst wissen, was eure (kleinen) Kinder mit Medien machen. Und ihr müsst mit ihnen darüber sprechen. Besonders in den ersten Jahren ist es enorm wichtig, dass wir Eltern genau wissen, für welche Zwecke und Inhalte unsere Kinder Medien nutzen. Es werden hier wichtige Weichen für die spätere Mediennutzung gelegt. Meine Tochter empfindet nach wie vor viele Szenen in Kinderserien als enorm spannend. Sie hält diese Szenen immer kaum aus und braucht Unterstützung, um entweder die spannende Szene auszuhalten oder eben auszuschalten. Wenn wir unsere Kinder Medien konsumieren lassen, ohne zu wissen, was sie sehen, wissen wir vielleicht im Nachhinein überhaupt nicht, warum unser Kind total durch den Wind ist. Es muss nicht immer die anzügliche Werbung für dubiose Seiten etc. sein. Es reicht auch schon, wenn Findus beim Skifahren ins Eis einbricht, damit ein Kleinkind vollkommen aufgelöst auf dem Sofa sitzt.

Worauf sollten Eltern achten, wenn sie selbst Medien konsumieren?

Sarah: Vieles, was wir Erwachsenen schauen, ist schlicht weg einfach nicht für Kinderaugen und -Ohren gemacht. Und das sollte uns dringend bewusst sein! Auch wenn unsere Kinder vermeintlich friedlich etwas spielen, während wir im selben Raum etwas schauen – sie bekommen es mit. Daher gilt: Was Kinder nicht sehen und hören sollen, wird nur in Abwesenheit unserer Kinder geschaut. Und wir sind in allem, was wir tun ein Vorbild für unsere Kinder. Unser Medienkonsum wird von unseren Kindern wahrgenommen und nachgeahmt. Wollen wir, dass unsere Kinder wenig Fernsehen, kaum oder gar nicht das Smartphone benutzen – dann müssen wir es ihnen auch genauso vorleben.

Wie schafft man es, dass sich das Kind an abgesprochene Medienzeiten hält und sich auch noch mit klassischem Spielzeug, freiem Spiel usw. zufriedengibt?

Sarah: Solche Regeln von Anfang an einführen und auch einhalten! Viele Eltern vergessen gerne, dass wenn wir Regeln, Begrenzungen etc. einführen, es auch für uns selbst anstrengend wird beziehungsweise werden kann, wenn es an die Umsetzung und Einhaltung geht. Wir müssen nämlich Sorge dafür tragen, dass all das eingehalten wird, was wir vorgeben. Also realistisch sein und gemeinsam einen vertretbaren Rahmen wählen. Und siehe letzte Frage: mit gutem Beispiel vorangehen, selber wenig TV schauen oder am Handy hängen und die gemeinsame Spielzeit mit dem Kind zelebrieren.

Was sind mögliche Anzeichen bei Klein- und Grundschulkindern, dass sie zu häufig digitale Medien konsumieren?

Sarah: Folgende Verhaltensweisen können darauf hindeuten, dass ein Kind zu oft vor dem Fernseher, Smartphone, Tablet und Co. sitzt:

  • Beobachten, ob die Medien die Kinder beherrschen oder die Kinder noch die Medien beherrschen.
  • Beeinflusst der Medienkonsum andere Lebensbereiche negativ?
  • Interessensverlust in Bezug auf andere Aktivitäten (draußen spielen, gemeinsam basteln, Hobbys etc.), Vernachlässigung sozialer Kontakte.
  • Nur noch Freude im Umgang mit Medien?!
  • Kind kann den Mediengebrauch nicht selbst einschränken/darauf verzichten —> Aus meiner Sicht müssen das Kinder vor dem Grundschulalter noch nicht selbst können. Hier sind also die Eltern gefragt.
  • Medien/Medieninhalte sind auch allgegenwärtig, wenn sie nicht konsumiert werden. —> Kind kann an nichts anderes denken.
  • Kind reagiert frustriert, wenn es keine Medien konsumieren darf.

Anm. d. Red.: Lest dazu auch noch mal unseren Beitrag “ADHS durch Nutzung digitaler Medien?”.

Wie können bereits Klein- und Grundschulkinder aus deiner Sicht nicht nur zu passiven, sondern zu aktiven Mediennutzern werden?

Sarah: Indem wir schon von klein auf Medien auch für diese Zwecke nutzen. Das Kind möchte etwas basteln? Pinterest, Youtube und Co. bieten diverse Anleitungen an. Diese können gemeinsam im Internet rausgesucht und angeguckt werden sowie anschließend analog umgesetzt werden. Auch der große Wissenshunger unserer Kinder kann mit all den schönen Dokumentarfilmen und Wissenssendungen gefüttert werden. Anschließend kann man noch gemeinsam das Lieblingsbuch über Wildtiere lesen usw. Ich denke, die Verbindung von digital wie analog ist gerade bei kleinen Kindern wichtig – und bietet dann aber bei der richtigen Nutzung ganz viel Mehrwert. Wie schön ist es, sich das Lieblingslied auf YouTube anzuschauen und anschließend gemeinsam dazu zu singen, zu tanzen oder es auf einem Musikinstrument nachzuspielen?

Anm. d. Red.: Hier findet ihr sinnvolle On- und Offline-Beschäftigungstipps für Kinder! Eure Kinder verstehen Schweizerdeutsch? Dann empfehlen wir euch den Kinderpodcast “Theo erzählt“!

Titelbild: © Svitlana

Über den Autor

Helena

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Ganz egal, ob wir selbst Eltern sind oder nicht - Kinder sind das Wertvollste, das uns das Leben bescheren kann. Und genau so möchte ich und sollten wir alle sie behandeln. Als gutes Vorbild vorangehen, ihnen Liebe und Aufmerksamkeit schenken und genug Raum zur freien Entfaltung geben. Das klingt nach einem schwierigen Unterfangen? Keine Sorge! Alle Einzelheiten klären wir schließlich auf ma-gazin.de! :)

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