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Genderneutrale Kinderkleidung: Frech, cool und bunt!

Saskia
Geschrieben von Saskia

Interview mit dem Kinderlabel freh

Egal, in welchen Shops und Läden man nach Kinderkleidung Ausschau hält – um die typischen Jungs- und Mädchenfarben, Drucke und Details kommt man meist einfach nicht herum. Dem Gendermarketing-Wahn zu entkommen, ist also gar nicht so einfach. Doch mittlerweile gibt es immer mehr Marken, die sich auf Kinderkleidung spezialisiert haben, die frei von Geschlechterklischees und somit eher genderneutral sind. Das Berliner Label freh ist genau so eins!


Nach wie vor scheint geschlechtsstereotypische Kinderkleidung die Regel zu sein. Das Berliner Label freh sieht das nicht so und bietet eine kleine und ziemlich coole Kollektion an, von der sich Mädchen und Jungen gleichermaßen angesprochen fühlen können, ohne in eine genderspezifische Ecke gedrängt zu werden. Vorausgesetzt, sie haben auch Lust darauf. 😉

freh wurde in Berlin-Kreuzberg von Mareike und Frederic Aue gegründet und wir wollten etwas zu den Hintergründen und zur Herstellung ihrer Kollektion erfahren.

genderneutrale Kinderkleidung

Ihr habt euer Label „freh“ getauft. Wie kamt ihr darauf?

Mareike & Frederic: Wir waren auf der Suche nach einem Namen der zeitlos und nicht verniedlichend ist und zu Kindern passt. Freh steht für frech. Und wenn wir unsere Tochter und ihre Kita-Freunde anschauen, lässt es sich nicht leugnen, dass sie alle, mal mehr, mal weniger frech sind. Frech bedeutet für uns aber auch, nicht mit dem Strom zu schwimmen, laut und bunt zu sein. Zu machen, wonach einem ist. Von Astrid Lindgren gibt es zwei Zitate: „Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar“ und „Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt.“, beide Zitate drücken ganz gut aus, was wir über unsere Kleidung ausdrücken und letztendlich unserer Tochter mitgeben möchten. Frech sein ist cool, und wir denken, als Kind gehört frech sein einfach dazu.

Wie wichtig war es euch, genderneutrale Kleidung für Kinder herzustellen, beziehungsweise hat sich dieser Gedanke zufällig ergeben oder war das gleich euer expliziter Wunsch?

Mareike & Frederic: Wir sehen unsere Tochter als Kind und das ist eine Einstellung, die wir schon sehr früh verinnerlicht haben. So ist es für uns selbstverständlich, dass unsere Produkte, bis auf wenige Ausnahmen, genderneutral sind. Uns ist es wichtig, dass Mode für Kinder genauso ein Ausdruck der Persönlichkeit ist, wie bei uns Erwachsenen. Unsere Tochter zeigt uns, was sie will und was sie gut findet, und das lassen wir mit einfließen. Es ist uns aber schon wichtig, dass unsere Designs hin und wieder mit den vermeintlichen Mädchen- und Jungenfarben spielen. Natürlich wollen wir die Geschlechterzugehörigkeit nicht verteufeln, wir wollen nur die starren Grenzen, die wir Erwachsenen gesetzt haben, aufbrechen. So haben wir für Mädchen ein Frilltop in unserer Produktreihe. Es ist kein Kleid und bietet die Freiheit die ein Kind beim Toben und Spielen braucht, aber durch den Frill am Longsleeve ist es feminin. So schließen wir auch die Mädchen nicht aus, die Kleider und Röcke lieben.

Wer designt eure Kollektion und wie kann man sich den gestalterischen Prozess vorstellen?

Mareike & Frederic: Das machen wir gemeinsam. Wir suchen Stoffe und überlegen uns, wie wir mit Farben und Formen spielen können, um zum Schluss ein für uns stimmiges Ergebnis zu erhalten. Wir mögen das Spiel mit Kontrasten und Gegensätzlichkeit. Aber eigentlich ist es ein Prozess – und manchmal kommt noch eine kleine Diskussion zwischen uns zum Prozess hinzu. Was wir aber auch als wichtig erachten. Wir testen dann unsere Idee und wenn sie uns als Produkt nicht überzeugt, dann lassen wir es sein. Und wenn doch, testen wir es, machen Fotos, stellen diese online und schauen, wie die Designs ankommen. Das Schöne ist, dass wir nicht in klassischen Kollektionen denken und so entsteht kein Druck, ständig etwas Neues zu designen. Also ist unser gestalterischer Prozess oft sehr spontan und impulsgeleitet.

Wo und aus welchen Materialien wird die Kleidung hergestellt?

Mareike & Frederic: Wir fertigen in Berlin. Wir haben ein Atelier und in diesem findet, von der Planung, über Druck bis zur letzten Naht, alles statt. Wir verarbeiten GOTS zertifizierte Biobaumwollstoffe und unsere Webware wird beispielsweise in Deutschland gewebt. Uns ist Nachhaltigkeit wichtig und deshalb achten wir  auf den Standort der Fertigung und die GOTS zertifizierten Materialien. Derzeit versuchen wir, mit Re-Woven Refibra Tencel zu arbeiten.

Anm. der Red.: Re-Woven Refibra Tencel wird aus recycelten Baumwoll-Stoffresten und Zellstoff hergestellt. Das Rohmaterial wird dann zu neuen Tencel Lyocellfasern verarbeitet.

Angenommen, ein Kind ist total begeistert von euren Klamotten. Die Eltern finden dagegen, dass ihr Nachwuchs damit zu sehr dem anderen Geschlecht ähnelt. Wie würdet ihr sie überzeugen, sich nach dem Geschmack ihrer Kinder zu richten und weniger danach, was sie als passend empfinden beziehungsweise wie das Umfeld reagieren könnte?

Mareike & Frederic: Diese Situation kennen wir sehr gut. Oder der Vater findet unsere Produkte mega und bekommt dann leider nicht das „Go“ von der Partnerin. Wir möchten niemanden belehren, denn die Erziehung des Kindes ist eine sensible Sache. Wir versuchen aber, situations- und personenabhängig, entweder einen frechen Spruch rauszuhauen, oder wir erklären gerne den Wandel der stereotypischen Farbzuweisungen in der Geschichte. So trugen zum Beispiel die Jungfrau Maria Hellblau und herrschaftliche Männer in der Vergangenheit Purpur.

Aber leider liegt die Entscheidung bei den Eltern bzw. oft bei der Mutter. Wir binden unsere Tochter gerne mit ein und nicht immer sind wir glücklich mit ihrer Entscheidung. Aber Partizipation ist uns wichtig. Sie soll ihre eigene Persönlichkeit entwickeln. Dazu gehört auch die Wahl der Kleidungsstücke. Wir können es ein wenig steuern und beeinflussen, doch mehr möchten wir auch nicht.

Inwieweit versucht ihr neben der Kleidung, eure Tochter geschlechtsneutral zu erziehen, und stoßt ihr dabei an eure beziehungsweise an Grenzen anderer?

Mareike & Frederic: Uns ist es sehr wichtig, dass unsere Tochter frei von klassischen Rollenbildern, stereotypischen Geschlechterrollen und Produkten erzogen wird. Das bedeutet nicht, dass wir alles, was weiblich geprägt ist, verbieten. Wir möchten eine bunte Mischung. Und sie soll frei entscheiden können, ohne von uns zuvor in eine gewisse Rolle gezwungen worden sein. Kinder sind wie ein unbeschriebenes Blatt Papier und wir können sie dabei unterstützen, so bunt wie möglich zu leben.

Natürlich gelingt es uns mal besser, mal schlechter. Aber der Wille zählt. Wir leben aber auch als Paar eine Beziehung frei von den klassischen Geschlechterrollen. Sie kennt es bei uns in unserer „Blase“ nicht anderes. Papa kann besser kochen als Mama, also sieht sie überwiegend ihren Papa in der Küche beim Kochen. Mama spielt besser Fußball, also spielt sie mit Mama Fußball. Bauprojekte machen wir gemeinsam. Wir zeigen ihr, dass jede/r Stärken und Schwächen hat und diese werden nicht durch eine Rollenzuschreibung geprägt, sondern durch Neigungen. Wir verbieten ihr nicht, vermeintliche Mädchendinge zu tun, würden sie aber auch nicht als typisches Mädchen bezeichnen. Sie hat gelernt, dass sie ein Kind ist und erst durch den äußeren Einfluss beginnt sie, von Mädchen und Jungen zu sprechen.

Unsere Tochter geht nun mal in einen Kinderladen und das gehört zur Sozialisation dazu, und dass sie dort auch mal mit Geschlechterklischees konfrontiert wird, ist normal. Klar würden wir uns wünschen, dass sie immun gegen diese äußerlichen Einflüsse ist. Aber das ist sie nicht. Und wenn sie sich freut, als Prinzessin im Kila rumzulaufen, soll sie es tun. Wir werden sie nun aber nicht zu Fasching als Prinzessin verkleiden, oder überzogen stereotypische Spielzeuge kaufen. Äußerliche Einflüsse durch Bekannte, Familie und Freunde, stellen schon mal eine Grenze da, aber auch damit lernt man umzugehen.

Die ältere Generation versteht nicht immer gleich, dass nicht jedes Mädchen auf pinke Haarspangen und jeder Junge auf blaue Bagger steht. Unsere Tochter darf frei wählen, was sie haben möchte. Das zeigt und tut sie sehr deutlich. So hat sie sich zum Beispiel bei Opa einen Ball mit einem Bagger ausgesucht, der ganz unten im Bällekorb lag.

Glaubt ihr, dass es in Großstädten einfacher ist, Kinder freier zu erziehen als in ländlichen Regionen und falls ja, aus welchen Gründen?

Mareike & Frederic: Für uns persönlich ist es in der Großstadt einfacher. Wichtig ist, zu schauen, was mit freier erziehen gemeint ist. Wir haben hier unsere kleine Blase (Milieu), in der von vielen ähnliche Ansichten bezüglich der Kindererziehung gelebt werden. Im Kila unserer Tochter haben wir überwiegend Eltern, die sich für einen reflektierten Umgang mit den stereotypischen Geschlechterbildern entschiedenen haben. Die Kinder werden in Entscheidungsprozesse mit einbezogen und dürfen sich innerhalb eines geschützten Raumes frei entwickeln.

Aber in einem anderen Milieu, in der gleichen Stadt kann es auch wieder ganz anders ausschauen. Es wäre gelogen, wenn man sagen würde, dass Kinder in Großstädten fei von Geschlechterklischees aufwachsen und freier erzogen werden. In manchen Bereichen müssen wir Großstädter unsere Kinder in ihrer Freiheit beschränken. Sie können nicht einfach alleine auf der Straße spielen, und werden mit Themen und Situationen konfrontiert, die wir als Kinder vom Land erst als Erwachsene in der Stadt kennengelernt haben.

Natürlich ist es im urbanen Raum einfacher Gleichgesinnte zu finden, an Informationen zu kommen und beispielsweise nicht stereotypisch geprägt zu konsumieren. Das Angebot ist ein anderes. Aber wie schon erwähnt, bedeutet ein solches Angebot nicht, dass die Menschen im urbanen Raum sich an diesem bedienen. Da spielt die persönliche Peergroup, in der man aufwächst und geprägt wird eine bedeutende Rolle.

Wir bedanken uns bei Mareike und Frederic für das Interview und wünschen ihnen und ihrem Label freh weiterhin ganz viel Erfolg!

Hier findet ihr übrigens weitere Infos und Tipps zur geschlechtsneutralen Erziehung.

Über den Autor

Saskia

Saskia

Noch keine eigenen Kinder, aber immerhin vierfache Tante. Mein Vorteil? Ich wickel, kuschel, darf (hin und wieder) erziehen, spielen, rumalbern und die Knirpse wieder den Eltern übergeben, wenn ich eine Pause von alldem benötige. Das klingt natürlich gemein, aber wenn der eigene Nachwuchs irgendwann da ist, werde ich den Vollzeitjob als Mama ganz sicher auch nicht mehr missen wollen. Meistens jedenfalls ...

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