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Home, sweet home? Diskussion um Hausgeburten

Hausgeburten
Redaktion ma-gazin
Geschrieben von Redaktion ma-gazin

Wo und wie Mama und Papa ihr Neugeborenes in Empfang nehmen wollen, bleibt allein ihnen überlassen. Meistens fällt die Wahl auf die althergebrachte Entbindung im Krankenhaus. Sie hat sich seit über 100 Jahren für die Mehrheit bewährt und fast ebenso lange hat sich auch die sterile und unpersönliche Atmosphäre in vielen Krankenhäusern noch nicht geändert. Nur ein Grund dafür, dass rund zwei Prozent der Kinder in Deutschland als Hausgeburten zur Welt kommen. Immer wieder entbrennen heiße Diskussionen zwischen Verfechtern beider Lager. Zuhause ist es doch eigentlich am Schönsten? Oder ist das Risiko zu hoch?


Gott sei Dank ist die Zeit nicht in allen Krankenhäusern stehengeblieben. Langsam aber sicher kehrt Wärme und Gemütlichkeit in die Kreißsäle von deutschen Kliniken ein, damit sich werdende Mütter und Väter wie zuhause fühlen können. Oft erinnern nur noch das Krankenbett und die kühl-glänzenden Fliesen daran, dass man sich in einem Krankenhaus befindet. Mit Vorhängen in Sonnenfarben, bunten Tuchseilen, dem Maja-Hocker für die Geburt, sowie einem vielfältigen Angebot aus der alternativen Medizin, wie etwa Akupunktur oder Akupressur, wird versucht der baldigen Mama die anstrengenden Stunden vor der Geburt so angenehm sie möglich zu gestalten. Die Idee, die dahintersteckt, ist klar erkennbar: Das Wohnzimmer soll in die Klinik geholt werden.

Hausgeburten in Krankenhäusern: Sicher und persönlich?

Die Idee ist gut und wichtig, denn viele Frauen fürchten sich nicht nur vor der Geburt selbst, sondern auch vor dem kalten und sterilen Klinikambiente und vor der unpersönlichen Entbindung am Fließband. Gerade die endlosen Stunden, die einige werdende Mütter in den Wehen liegen müssen, werden durch das Gefühl, sich in einem Krankenhaus zu befinden, nicht unbedingt erleichtert. Kein leichter Spagat also, wenn man Intimität mit medizinischen Gerätschaften, Wohlfühloase mit Klinik-Flair kombinieren muss. Trotzdem: Wenn es nach den Geburtsexperten im Krankenhaus geht, sollte jede der ca.11.500 außerhalb des Kreißsaals stattfindenden Geburten hierzulande eigentlich doch besser innerhalb einer Klinik geschehen. Denn selbst die unkomplizierteste Schwangerschaft kann mit unvorhergesehenen Komplikationen, wie unstillbaren Blutungen bei der Mutter oder Atemproblemen beim Kind, einhergehen und in einer Notfallsituation enden.

Viele Hebammen, die sich auf Hausgeburten spezialisiert haben, bewerten das Risiko weitaus weniger hoch, da für eine außerklinische Geburt immer eine akribische Vorauswahl getroffen werde. Denn nur mit gesunden schwangeren Frauen, bei denen keine Komplikationen zu erwarten sind, könne eine Hausgeburt geplant werden. Für Susanne Schäfer, Vorsitzende des Bundes freiberuflicher Hebammen Deutschlands, spricht vor allem die häusliche Umgebung für eine Geburt im eigenen Heim. Dort könne sie als Geburtshelferin Ängste nehmen und die Schwangere individuell bei dem natürlichen Vorgang der Geburt begleiten. Ein weiteres Argument, das für eine Hausgeburt spreche, sei die Tatsache, dass Frauen außerhalb einer Klinik weniger Schmerzmittel benötigten und bei ihnen zudem seltener Riss- und Schnittverletzungen des Damms auftreten. Sind das echte Zeichen des Erfolgs oder nur Resultate als logische Folge der Auslese?

Studien zum Thema „Hausgeburt“ liefern Zündstoff und Argumentationsgrundlage für beide Seiten. So wurde 2011 eine Erhebung aus Großbritannien im renommierten British Medical Journal (BMJ) veröffentlicht, die Geburtsdaten von rund 57.000 Frauen und ihren Babys erfasst. 17.000 von ihnen bekamen ihre Kinder zu Hause, 10.000 in einem Geburtshaus und 30.000 in einer gynäkologischen Klinik. Insgesamt gab es bei 4,3 von 1000 Fällen kindliche Komplikationen wie Hirnschäden, Knochenbrüche oder den Tod während oder kurz nach der Geburt. Diese Probleme traten hinsichtlich der verschiedenen Geburtsorte überall gleich häufig auf. Sowohl Hebammenverbände als auch Krankenhausverfechter sehen ihre Position durch diese Studie bestätigt. Die Autoren im BMJ selbst folgern: “Gesunde Frauen ohne Schwangerschaftsrisiken sollten bei der freien Wahl des Geburtsorts unterstützt werden.”

Fest steht: Werdende Eltern, die sich für eine Hausgeburt entscheiden, lassen sich bewusst auf einen Verzicht auf medikamentöse und ärztliche Unterstützung ein. Die Durchführung eines Notkaiserschnitts, die innerhalb von wenigen Minuten stattfinden muss, ist zuhause auf der Couch nicht möglich. Zudem belegt die BMJ-Studie, dass bis zu 45 Prozent der Erstgebärenden, die sich für eine Geburt außerhalb eines Krankenhauses entschieden, während der Geburt notfallmäßig in eine Klinik verlegt werden müssen. Bei Mehrgebärenden waren es immerhin 9 bis 13 Prozent. Der Qualitätsbericht der Hebammen bestätigt diese Ergebnisse: In Deutschland wird mehr als jede sechste Frau während der Geburt in die Klinik gebracht. Und auch der Berufsverband Deutscher Frauenärzte hält in einer Stellungnahme von 2011 fest: “Die Geburt ist als natürlicher, gleichwohl aber höchst gefährlicher Zeitpunkt im Leben des Menschen anzusehen. Minuten entscheiden über Gesundheit, Krankheit oder Tod, weshalb die klinische der Hausgeburt unbedingt vorzuziehen ist.”

Eine Notverlegung kann für Frauen traumatisch sein, jedoch haben sich diese ungeplanten Transporte, laut verschiedener Untersuchungen, bisher nicht auf die Todesfallrate ausgewirkt. Was immer noch fehlt, ist eine fundierte und umfassende Studie mit aussagekräftigen Ergebnissen, die alle Faktoren, die zu Komplikationen führen können, einbezieht. Bis es soweit ist, liegt das Sammeln von Pros und Contras und die darauffolgende Entscheidung bei den werdenden Eltern, während sich Krankenhäuser weiterhin um mehr Wohlfühlatmosphäre und Hebammen für Hausgeburten um mehr Qualitätssicherung in ihrer Versorgung bemühen.

Hier erfahrt ihr mehr zum Thema Geburtspositionen.

Titelbild: © panthermedia.net, Jose Manuel Gelpi Diaz

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