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Nicht ohne meine Hebamme!

Saskia
Geschrieben von Saskia

Geburtsstationen und Hebammen in Not!

Als werdende Mutter benötigt ihr vor allem eins: eine verlässliche gesundheitliche Vorsorge und Betreuung. Letzteres spielt sich vor allem während der Geburt ab und findet meist mit der Hebamme eures Vertrauens auf der Geburtsstation in einem Krankenhaus statt. Sofern ihr überhaupt noch einen Kreißsaal und eine Geburtshilfe in eurer Nähe findet. Denn laut aktuellster Daten des Statistischen Bundesamts wurden seit 1991 von 1186 Geburtsstationen bundesweit 477 geschlossen. Der Deutsche Hebammen Verband macht seiner Not Luft und hat die Kampagne „Unsere Hebammen“ ins Leben gerufen.


Seit Ende 2015 stehen gebärenden Frauen in Deutschland nur noch 709 Geburtsstationen zur Verfügung. Dies ist ein Rückgang um 40 Prozent, obwohl die Zahl der Geburten nur um elf Prozent (auf 737.575) gesunken ist.

Wer hat das Nachsehen?

Nicht ’nur‘ der Gesundheitszustand der werdenden Mütter und des Neugeborenen, sondern auch die rund 2.500 praktizierenden Hebammen in Deutschland. Unterbesetzung, Unterbezahlung und zu teure Haftpflichtversicherungen machen es den Geburtshelfern in Deutschland schwer. Rund ein Drittel mussten ihren Dienst bereits quittieren.

Robert Manu ist Pressereferent des Deutschen Hebammen Verbandes und macht deutlich, welche Maßnahmen aus Verbandssicht notwendig sind, um Schwangere wieder bestmöglich betreuen und eine sichere Geburt garantieren zu können.

Redaktion: Wofür steht die Kampagne „Unsere Hebammen“?

Manu: Die Kampagne „Unsere Hebammen“ wurde ins Leben gerufen, um zu zeigen, was Hebammen leisten und unter welchen Arbeitsbedingungen sie dies tun. Zum einen klärt die Kampagne über den Beruf auf, zum anderen thematisiert sie die aktuellen Arbeitsbedingungen der Kolleginnen. Gleichzeitig bieten wir die Möglichkeit, den Berufsstand zu unterstützen.

Redaktion: Wie können sich Eltern daran beteiligen?

Manu: Wir haben für alle Eltern (und natürlich auch Nicht-Eltern) einen Protestbrief an Politikerinnen und Politiker zum Selbstausdruck und Versenden vorbereitet, der auf der Kampagnenseite heruntergeladen werden kann. Darüber hinaus nutzen viele Frauen die Möglichkeit, auf der „Landkarte der Unterversorgung“ ihre erfolglose Suche nach einer Hebamme einzutragen. So bilden wir ein inzwischen flächendeckendes Problem ab. Und was uns besonders freut: Über 2000 Unterstützerinnen und Unterstützer haben bei unserer Aktion „Gesicht zeigen“ bereits ihr Foto hochgeladen und sagen: Geboren mit der Hilfe meiner Hebamme.

Redaktion: Wieviele Geburten finden bislang in Krankenhäusern statt?

Manu: Ungefähr 98 Prozent aller Geburten in Deutschland finden in Krankenhäusern statt. Wir stellen aber fest, dass die zunehmenden Schließungen von Kreißsälen vielerorts bereits massive Auswirkungen haben. Es kommt vor, dass Schwangere an Kreißsaaltüren abgewiesen werden, weil Kapazitäten fehlen. Oder sie stehen auch schon mal vor geschlossen Türen, wenn aufgrund von Personalmangel ein Kreißsaal nur zu speziellen Uhrzeiten geöffnet hat.

Redaktion: Wieviele Schwangere betreut eine Hebamme durchschnittlich und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch wirklich bei der Geburt anwesend sein kann?

Manu: Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages hat erst im März veröffentlicht, dass in Deutschland jede in Vollzeit beschäftigte Hebamme fast 100 Geburten pro Jahr betreut. Das ist dreimal so viel wie in Großbritannien oder Norwegen. Die hohe Geburtenzahl an sich macht eine Eins-zu-eins-Betreuung bereits in vielen Fällen unmöglich. In Deutschland muss bei jeder Geburt per Gesetz eine Hebamme anwesend sein. Ein Arzt alleine darf keine Geburt durchführen, eine Hebamme jedoch schon.

Redaktion: Angenommen eine Familie lebt auf dem Land, der nahe gelegene Kreißsaal wurde geschlossen und alle Hebammen sind ausgebucht. Welche Möglichkeiten gibt es dann noch?

Manu: Vor diesem Problem stehen immer mehr Schwangere. Denn zwischen 1991 und 2014 haben 40 Prozent der Kreißsäle in Deutschland geschlossen und die Schließungen gehen weiter. Die Wege zum nächsten Kreißsaal wurden und werden für viele Familien immer länger. Es muss eine Lösung gefunden werden. Denn ohne Hebammen und Kreißsäle geht es nicht. Außerdem gibt es das verbriefte Recht auf die freie Wahl des Geburtsortes. Das ist ein hohes Gut, das eng verknüpft ist mit dem Recht der Frau auf Selbstbestimmung.

Redaktion: In Schweden ist die Lage bereits so prekär, dass Hebammen VHS-Geburtskurse für werdende Eltern anbieten, in denen eine Geburt simuliert wird. Droht uns ein ähnlicher Zustand?

Manu: Diese Kurse für den Notfall sind in Schweden regional sehr wichtig. Hier müssen Eltern teilweise 100, ja sogar 200 Kilometer bis zur nächsten Entbindungsstation fahren. Ostschwedische Frauen reisen beispielsweise nach Finnland, weil es im nahen Krankenhaus nicht genügend Plätze für Frühgeburten gibt. Vor dieser Situation stehen wir nicht und wir werden alles daran setzen, dass sie nicht eintritt.

Redaktion: Was muss sich ändern, damit es wieder mehr Geburtsstationen und Hebammen gibt?

Manu: Wir hören immer wieder, dass Geburtsstationen aus wirtschaftlichen Gründen schließen. Die ausreichende Finanzierung muss gesichert sein, zum Wohl der Schwangeren und deren Kinder. Die Kliniken verzeichnen steigende Zahlen an Geburten, wenn ein oder mehrere Kreißsäle in der Nähe geschlossen wurden. Häufig wird die Geburtshilfe dann jedoch nicht personell und baulich erweitert. Auch das muss geschehen. Denn die Folge für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind mehr Arbeitsverdichtung und eine höhere Arbeitsbelastung. Hebammen in Kliniken müssen laut einer Umfrage des Deutschen Hebammenverbandes mittlerweile drei und mehr Frauen gleichzeitig während der Geburt betreuen. Immer weniger Hebammen sind bereit, angestellt und Vollzeit an einer Klinik zu arbeiten. Zudem gibt es auch weniger freiberuflich in der Geburtshilfe tätige Hebammen aufgrund steigender Haftpflichtprämien. Nur noch 1.900 freiberufliche Beleghebammen begleiten derzeit rund 20 Prozent der Geburten an den Kliniken in Deutschland. Wir sind aber sicher: Der Nachwuchs kommt, wenn die Rahmenbedingungen für den Beruf stimmen, die Arbeitsbedingungen und der Verdienst angemessen sind.

Wir danken Robert Manu herzlichst für das Gespräch!

Ihr wollt die Kampagne #unserehebammen unterstützen? Dann macht hier mit und zeigt Gesicht!

Video: YouTube

Bilder: ©  Deutscher Hebammen Verband

Über den Autor

Saskia

Saskia

Knapp über 30 und noch keine eigenen Kinder, aber immerhin vierfache Tante. Mein Vorteil? Ich wickel, kuschel, darf (hin und wieder) erziehen, spielen, rumalbern und die Knirpse wieder den Eltern übergeben, wenn ich eine Pause von all dem benötige. Das klingt natürlich gemein, aber wenn der eigene Nachwuchs dann irgendwann da ist, werde ich den Vollzeitjob als Mama ganz sicher auch nicht mehr missen wollen. Meistens jedenfalls ;)

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