Kolumne

Interview mit Frau Eglin über Frühgeburten – Teil 1

Redaktion ma-gazin
Geschrieben von Redaktion ma-gazin

Gestern hatten wir euch den Bundesverband “Das frühgeborene Kind” e.V. vorgestellt – mit Frau Eglin haben wir auch ein Interview geführt, in der sie uns ein paar wichtige Fragen zu Frühgeburten genauer beantwortet.Heute könnt ihr hier den ersten Teil des Interviews lesen und morgen kommt dann die andere Hälfte.

Welche Ursachen gibt es für Frühgeburten und lässt sich ein Risiko vorher bestimmen?

Für eine zu frühe Geburt kommen sowohl körperliche als auch psychische Ursachen in Betracht. Nicht selten bedingen sie sich gegenseitig. Auch der sozialen und wirtschaftlichen Situation einer werdenden Mutter kommt eine große Bedeutung zu. Stress, psychische Belastungen, Ängste machen den Körper anfällig für Infektionen und Krankheiten und können eine Frühgeburt auslösen.

Folgende körperliche Faktoren, kommen als mögliche Ursache für eine zu frühe Geburt in Frage:

■die Wehen fangen zu früh an

■die Fruchtblase springt vorzeitig

■die Nabelschnur ist nicht mehr gut durchblutet

■die Plazenta funktioniert nicht richtig oder löst sich vorzeitig

■ die Mutter hat einen gefährlich überhöhten Blutdruck (Gestose bzw. Präeklampsie, Eklampsie,

HELLP-Syndrom) …

Mitunter kann auch die gesundheitliche Situation des noch ungeborenen Kindes eine vorzeitige Geburt notwendig machen. Wenn es dem Kind im Bauch der Mutter nicht gut geht, dann muss es manchmal früher geboren werden. Eine Schwangerschaft bringt zahlreiche körperliche Anpassungsvorgänge für werdende Mütter mit sich. Jede Vorbelastung erhöht deshalb die Wahrscheinlichkeit einer zu frühen Geburt. So ist es auch nicht überraschend, dass insbesondere Mehrlingsschwangerschaften oft nicht bis zum Ende ausgetragen werden können. Gerade diese Zahl der Mehrlingsschwangerschaften hat sich in den letzten Jahren aufgrund der medizinischen Entwicklung auf dem Gebiet der künstlichen Befruchtung drastisch erhöht. Eine regelmäßige ärztliche Beobachtung solcher Risikoschwangerschaften dient dazu, rechtzeitig eine Entscheidung über eine vorzeitige Entbindung zu treffen, bevor die Gesundheit der Mutter oder des Kindes gefährdet ist.

Oftmals sind gesundheitlichen Probleme während einer Schwangerschaft chronisch. Aufgrund dessen ist die Wahrscheinlichkeit für eine weitere Frühgeburt nach einer bereits erlebten Frühgeburt ebenfalls erhöht. Ein erhöhtes Risiko besteht darüber hinaus bei Müttern, die noch sehr jung sind und deren Organismus noch nicht ausgereift ist sowie bei werdenden Müttern, die bei ihrer ersten Schwangerschaft älter als 35 Jahre sind. Auch bei Müttern, die zahlreiche Schwangerschaften in engen Abständen ohne körperliche Erholungspausen erlebt haben, besteht ein erhöhtes Risiko für eine vorzeitige Geburt des Kindes.

In Deutschland gelten mittlerweile dreiviertel aller Schwangerschaften als sogenannte Risikoschwangerschaften*. Diese werden dann ärztlich besonders engmaschig begleitet. Von einer vorzeitigen Geburt sind jährlich letztendlich ca. 9 Prozent aller in Deutschland geborenen Kinder betroffen**.

 

*Faktoren sind z.B. Diabetes mellitus, Schwangere > 35 Jahre, Z.n. Sterilitätsbehandlung, Z.n. Frühgeburt, Z.n. Mangelgeburt
** Geburtshilfestatistik des Jahres 2013: www.sqg.de/downloads/Bundesauswertungen/2013/bu_Gesamt_16N1-GEBH_2013.pdf

Trotz der bereits genannten Faktoren, die zu Frühgeburten beitragen können, kommen etwa die Hälfte aller frühgeborenen Babys zu früh zur Welt, ohne dass eine eindeutige Erklärung dafür gefunden werden könnte. Die Schwangerschaft verlief im Übrigen unauffällig, die Babys kommen ohne erkennbare Fehlbildungen zur Welt, ihre Mütter sind körperlich gesund, emotional stabil und werden ärztlich gut begleitet. Damit haben die Kinder die besten Rahmenbedingungen, um sich gut zu entwickeln.

 

Welche besondere Therapie, Hilfe und Produkte brauchen Frühchen, um sich gut zu entwickeln? Und wovon hängt das Aufholwachstum ab?

Glücklicherweise brauchen nicht alle ehemals zu früh geborene Kinder zwangsläufig besondere Therapie- und Fördermaßnahmen. Die Wahrscheinlichkeit für spätere Hilfsmaßnahmen steigt allerdings grundsätzlich mit dem Grad der anfänglichen Unreife des zu früh geborenen Kindes. Heute können dank medizinischer Unterstützung selbst kleinste Kinder, die mehr als vier Monate zu früh auf die Welt kamen und bei ihrer Geburt weniger als 500 Gramm wogen, überleben. Bei ihnen ist das Risiko für spätere Entwicklungsdefizite besonders hoch. Dennoch gibt es auch in dieser Gruppe der sogenannten „Extremfrühchen“ immer wieder Kinder, die sich für Mediziner erstaunlich problemlos entwickeln.

Umgekehrt gibt es auch immer wieder Kinder in der Gruppe der sogenannten “späten Frühchen”, die nur wenige Wochen vor dem errechneten Termin geboren wurden, damit vermeintlich unproblematisch waren und später dennoch frühchenspezifische Auffälligkeiten wie besondere Unruhe oder Konzentrationsschwierigkeiten zeigen. Das macht deutlich, wie schwer

vorhersagbar die individuelle Entwicklung des einzelnen Kindes im Vorfeld ist. Die Qualität des Familienklimas und die Lernerfahrungen, die Eltern ihren Kindern bieten, können dabei helfen, anfängliche Risiken und Entwicklungsverzögerungen auszugleichen.

Für die Zeit nach der Entlassung ist diese Erkenntnis für die Eltern ebenso wichtig wie das Wissen, dass die Entwicklung vieler Frühgeborener in der ersten Zeit anders verläuft als bei reifgeborenen Kindern. Eine zunächst langsamere Entwicklung, eine hohe Irritierbarkeit des Babys oder eine anfänglich geringere Bereitschaft, auf Spielangebote einzugehen, können sehr beunruhigend für Eltern sein. Sie müssen aber keineswegs Vorboten dauerhafter Behinderungen, emotionaler oder sozialer Probleme darstellen. Der Start ins Leben ist für frühgeborene Kinder einfach um vieles schwieriger als für Reifgeborene. Und auch die beste Intensivpflege auf der Neugeborenen-Intensivstation und die beste psychosoziale Unterstützung und Begleitung können das nicht immer völlig ausgleichen.

Von der Versorgung mit Muttermilch profitieren in der Regel alle Frühgeborenen. Das gleiche gilt für die möglichst umgehende Aufnahme von Körperkontakt (sog. Bonding) nach der Geburt, um insbesondere die vorzeitig unterbrochene wichtige emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind wiederherzustellen. Hier hat sich die Methode des sog. Känguruns besonders bewährt. Dabei wird das nur mit einer Windel bekleidete Frühchen im besten Fall täglich für mehrere Stunden auf den nackten Oberkörper von Mutter oder Vater gelegt. Hier kann es den beruhigenden Herzschlag und die vertraute Stimme von Mutter und/oder Vater hören, den Rhythmus der elterlichen Atmung spüren und deren Geruch wahrnehmen. Diese als Therapieform anerkannte „Kuschelmaßnahme“ wird mittlerweile in allen Kliniken durchgeführt, die sich besonders für eine entwicklungsfördernde, individuelle und familienzentrierte Frühgeborenenversorgung einsetzen.

Frühgeborene Kinder haben gegenüber reif geborenen Kindern in ihrer weiteren Entwicklung einiges aufzuholen – und das unter erschwerten Bedingungen, denn sie müssen sich bereits mit Prozessen wie dem eigenständigen Atmen und dem Verdauen von Nahrung auseinandersetzen. Das kostet wertvolle Energien, die ihre ungeborenen Altersgenossen ausschließlich in ihre weitere körperliche Entwicklung investieren können. Wie gut sich Frühgeborene nachgeburtlich weiterentwickeln, hängt entscheidend von ihrer anfänglichen Unreife und möglicherweise eintretenden Komplikationen ab, aber auch genetische Faktoren können eine Rolle spielen. In der Regel haben die meisten Kinder bestehende Wachstumsdefizite spätestens nach drei Jahren aufgeholt.

 

Titelbild:  © Paul Hakimata – Fotolia.com

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