Zuhause

Faule Eltern – Eine Anleitung zum Glücklichsein

Redaktion ma-gazin
Geschrieben von Redaktion ma-gazin

Der Begriff “faul” ist stark negativ belastet, denn in unserem Leben geht es vor allem um Effizienz und Ziele. Kinder müssen schon mit Fünfzehn wissen, was sie einmal werden wollen. Dann müssen sie nämlich in der Profiloberstufe (je nach Bundesland) die erste Spezialisierung wählen, am Ende des Abiturs sofort studieren und mit spätesten 25 fertig sein (natürlich mit ganz viel Berufserfahrung), um gutes Geld zu verdienen. Denn darauf kommt es im Leben an. Das nennt man Effizienz. Eltern lassen sich hiervon einlullen, und erkennen nicht die Brillianz des “Weniger-Tuns”.

Eltern sind Sklaven ihrer Kinder. Auf jede kleine Stimmungsschwankung des Nachwuchses wird sofort eingegangen. Sie haben nur noch ein Credo: “Kinderbetreuung jederzeit, überall.” Was dabei herauskommt, sind nicht etwa Erfolgs- oder Glücksmagneten, sondern verunsicherte Schatten ihrer Selbst. Nach Diskussionen über einen Elternführerschein und Katja-Saalfrank-beteiligte TV-Sendungen, wundert es niemanden, dass Eltern von Komplexen zerfressen werden. Ständig hinterfragt man sich, ob man sein Kind richtig erzieht. Sicherlich ist alles, was ihr tut, gut gemeint, aber die Einsicht, dass man nie perfekt erziehen kann, ist gesund. SPIEGEL ONLINE hat sich der Debatte angeschlossen und unter “#achtungeltern” wird über Twitter diskutiert. So kommentiert “Limubei” hier z.B.: “Wer es sich leisten kann, wird alles tun, damit der Spross die besten Chancen hat im Hamsterrad von Turboabitur und Bachelorschnellausbildung. Und dann weiter, schnell schnell in den Erst-, Zweit- und Dritt-Job, damit alles abbezahlt werden kann. Anleitung zum Unglücklichsein könnte man das nennen. Brutaler Auslesedruck für die, die es nicht schaffen. Präkariatsstempel drauf und raus zum 1 Euro Job.”

Neben all den Ratgebern und How-to’s der Erziehungswissenschaften, siedeln sich jedoch auch fast schon rebellische Werke in den Bücherregalen an. Schon 1918 gab D. H. Lawrence, ein englischer Schriftsteller, in seinem Werk Wie erziehe ich mein Kind bekannt: “Regel Nummer eins: Lass es in Ruhe. Regel Nummer zwei: Lass es in Ruhe. Regel Nummer drei: Lass es in Ruhe. Für den Anfang ist das genug.” Josef Kraus, seines Zeichens Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und Autor des Buches Helikopter-Eltern, fordert: “Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung!” Carl Honoré, ein Kanadier und Befürworter der Entschleunigung, etablierte 2008 mit seinem Buch Under Pressure: Rescuing Our Children from the Culture of Hyper-Parenting den Begriff des Slow Parentings. Hieran angelehnt ist auch Tom Hodgkinsons Werk Leitfaden für faule Eltern. Er ist der Meinung: “Faule Eltern werden sich niemals für ihre Kinder aufopfern. Sie werden ihr Leben leben, und ihre Kinder werden in ihrem Windschatten aufwachsen und lernen. Aber sie werden ihre kleinen Sprösslinge respektieren und deren Gebaren mit Interesse beobachten. Kinder sagen lustige Sachen. Und man kann immer von ihnen lernen. Das Entscheidende am Elternsein ist nicht, was Sie tun, sondern welche Beziehung Sie zu Ihrem Kind haben. Wie Sie sind, darauf kommt es an. Statt eine Liste von Regeln zu befolgen, die jemand anders aufgestellt hat, müssen wir uns zuerst und vor allem auf unsere geistige Einstellung zu unseren Kindern konzentrieren. Eine gewisse Dankbarkeit dafür, dass sie in unser Leben getreten sind, könnte ein guter Anfang sein.”

Es sollte einem bewusst werden, dass man sein Kind nur gut erziehen kann, wenn man selbst glücklich ist. Was bedeutet also in unserem Fall das Wort “faul”? Jedenfalls ist es nicht klassisch-beleidigende gemeint. Man sollte nur zwischen durch auch an seinen Akku denken. Böse Zungen würden schon von einer “faulen Mutter” sprechen, weil sie nicht 100% ihrer Energie in das Kind steckt, sondern auch entspannt, um zu revitalisieren. Laut Familienmonitor 2012 vermissen die Eltern Zeit für die eigene Person und die Partnerschaft.

Des Weiteren gab es noch für keine Generation zuvor so viele Möglichkeiten den Kinderwunsch zu erfüllen. “Das Kind soll studieren, die Noten geben es aber nicht her? – Dann halt ne’ private Uni!” Und wieder gibt es eine Schippe mehr Last auf die Schultern der Eltern. “Wir müssen finanziell erfolgreicher darstehen, damit unser Kind das erreichen kann, was es will.” Was man dabei aber schnell vergisst: Auch das Kind muss nun mit einer ganzen Menge Erfolgsdruck umgehen. Außerdem verliert es seine Erdung. Die Sprösslinge werden von bestimmten Pflichten verschont, damit sie fleißig lernen – im Umkehrschluss lernen sie jedoch nichts: Es gibt Aufgaben, die man machen muss – auch wenn man nicht will. Eine Entbindung aus dem Familienalltag ist schlecht. Ein Zusammenhaltsgefühl oder die Kommunikation werden mit Füßen getreten. Ist gepflegtes Faul-sein für euch jetzt interessant geworden? Dann sind hier nun sieben einfache Tipps für “faule” Eltern aus Tom Hodgkinsons Kolumne, erschienen  im Telegraph:

1. Beruflich zurücktreten, wenn nötig

The Work Foundation stellt fest, dass zwei Drittel der Berufstätigen in ihrem Job unglücklich sind. Das sind katastrophale Voraussetzungen für ein entspanntes Familienleben. Wenn Ihr unzufrieden seid, müsst ihr was an eurer Situation ändern. Genervt nach Hause kommen und die schlechte Laune an der Familie auslassen, ist inakzeptabel.

2. Hausarbeit für die Kinder

Zuvor wurden bereits Pflichten erwähnt, denen Kinder inzwischen immer weniger nachkommen müssen. Auch hinsichtlich des veränderten Erziehungstils – also weg vom Verbieten oder Vorschriften hin zum Verhandeln – ist dieses Thema wichtig. Man muss konsequent bleiben und das Kind soll sich einbringen. Dadurch entsteht ein Familiengefühl und euer Kind ist einen Schritt selbstständiger.

3. Der Mittagsschlaf

Man sollte sich eine Auszeit gönnen. Der Alltag ist intensiver als viele es zugeben mögen oder es gar bemerken. Eine Routine, wie der Mittagsschlaf, belebt Körper und Geist, so dass man danach wieder durchstarten kann.

4. Barfuß

Socken sind der Feind einer jeden Hausfrau oder eines jeden Hausmanns. Diese kleinen Stofffetzen müssen auseinandergezogen, einzeln aufgehangen (darauf achten, dass sie nicht herunterfallen!) und sortiert werden. So viel Aufwand für so etwas Unnützes. Wir sind doch nicht aus Zucker! Also spart euch den Aufwand und lauft barfuß herum. Das Immunsystem wird dadurch mitunter auch gestärkt.

5. Phantasie fördern

Was mach man mit unzahmen Kids? Genau – TV an und davor parken. Das gilt es zu verhindern. Die Inspirationsquellen der Kinder sind viel zu oft Bildschirmmedien. Dadurch werden alle kreativen Potenziale der Jünglinge vereinheitlicht, denn jeder schaut dasselbe. Und vor allem: Keiner denkt selbst nach, sondern ist ein Schwamm, der, mit Scripted Reality vollgesaugt, vor sich hin vegetiert. Also schmeißt eure Kinder in den Garten und lasst sie sich selbst beschäftigen. Das fördert die Phantasie!

6. Familienauszeit

Ähnlich wie beim Mittagsschlaf, braucht ihr eure Auszeit. Ein Familienurlaub ist schön und gut, jedoch muss man sich bewusst sein, dass das normale Familienleben nun unter erschwerten Bedingungen weitergeführt werden muss. Im Auto nach Dänemark zu fahren, endet meist mit Streit. Dann lieber die Kinder zum Ferienlager schicken und mit dem Partner oder den Freunden Zeit verbringen. Danach freut man sich umso mehr auf den Nachwuchs und hat seine Tiefenentspannung zurück.

7. Weihnachten

Keine Spielekonsole oder einen Flachbildfernseher, sondern einfach nur eine gute Zeit solltet ihr euren Kindern schenken. Die Familie sitzt beisammen und es wird gelacht (Optimalzustand). Ansonsten beschäftigt euch mit Brettspielen oder anderen interkommunikativen Zeitvertreiben. Wenn sich diese Einstellung etabliert hat, freuen sich alle umso mehr auf das Fest – weg von der vernebelten Konsumwelt!

Titelbild: ©Andres Rodriguez – Fotolia.com

Über den Autor

Redaktion ma-gazin

Redaktion ma-gazin

Hinterlasse ein Kommentar