Kolumne

Eure Fragen, Eure Antworten – Alles rund um Familie

Redaktion ma-gazin
Geschrieben von Redaktion ma-gazin

Die Familientherapeutin Doris Beerli kennt sich mit den Problemen rund um Familien aus. Ihr Buch “Patchwork-Familie, ja!” behandelt die wohl problembelastetste Familienform – die Patchwork-Familie. Doris Beerli hat sich bereit erklärt, unseren Leserinnen ihre Fragen zu beantworten. Wenn ihr Fragen habt, die ihr der Familientherapeutin stellen wollt, schreibt uns eine Mail an redaktion@ma-gazin.de!

 

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Haben Scheidungskinder wirklich alle einen Knacks?

Doris Beerli: Scheidungskinder haben alle einen Verlust “einer heilen Welt”, einer intakten Familie verkraften müssen. Sie haben Trennungsängste und einen Abschied von nächsten Bezugspersonen erlebt. Sie sind mitbetroffen und dem Geschehen völlig ausgeliefert. Sie erleben die beiden Menschen, die ihnen am nächsten stehen und am liebsten sind, in Streit und Zerwürfnis. Das erschüttert die Grundfesten, die Primärbindungen des Kindes. Nachher leben Scheidungskinder in zwei Welten, in einer Mama-Welt und in einer Papa-Welt. Scheidungskinder müssen eine grosse Anpassungsfähigkeit entwickeln und sich in Teilfamilien mit unterschiedlichen Beziehungsregeln, Familienkulturen, Gemüts-Atmoshären zurecht finden.  Eine Scheidung der Eltern bedeutet immer eine grosse Herausforderung für ein Kind, unabhängig vom Alter. Wenn das Kind durch diese Krise sorgfältig begleitet wird, wenn seine Ängste, seine Trauer, seine Wut, seine Hilflosigkeit, seine Verletzlichkeit gehört und ernstgenommen werden, von Mama und von Papa, und wenn möglich von einer liebevollen, aussenstehenden Drittperson, wenn die Erwachsenen in die Kinderwelt eintauchen können, wenn behutsam geschaut wird, was es braucht an Begleitung und Unterstützung für die Bewältigung seiner Ängste und Nöte, wenn das Kind nicht zum Spielball der Eltern wird und keinem Loyalitätskonflikt aufgesetzt ist, dann kann ein Scheidungskind auch ohne Knacks aus dieser herausfordernden Familienkrise herauskommen.

Seit der Geburt haben meine Frau und ich nicht mehr miteinander geschlafen. Klar, wir sind müde und die Schwangerschaft und Geburt war anstrengend. Aber ein gesundes Sexleben ist doch wichtig für alle?

Doris Beerli: Schwangerschaft und Geburt sind für jede Frau eine grosse Herausforderung, psychisch und körperlich verändert sich bei ihr ganz viel. Die ersten Monate mit einem Kleinkind sind für beide Partner streng, mit den neuen Rollen als Mutter und Vater muss Frau und Mann zuerst mal persönlich klar kommen. Dass da die Lust nicht an forderster Stelle steht, ist ganz normal. Wichtig ist, dass das Paar nicht in Panik ausbricht wegem mangelndem Sexleben, dass sie die Beziehung hinterfragen oder sich mit Vorwürfen zerfleischen. Es gilt, die Situation in einem ruhigen Moment miteinander anzusprechen und sich gegenseitig wahrzunehmen. Lust passiert ja nicht isoliert nur im Bett. Wie kann das Leben als Paar im Alltag mit Kleinkind und Beruf lustvoll(er) gestaltet werden? Was erleben sie miteinander als sinnlich, mit was werden ihre Sinne angesprochen und angeregt? Vielleicht braucht die Frau zärtliche Worte vom Mann ins Ohr geflüstert, wenn sie mit ihrem noch nicht ganz flachen Babybauch unglücklich ist und sich gar nicht erotisch fühlt? Vielleicht würde der Mann gerne gestreichelt und geherzt werden, damit er sich nicht überflüssig vorkommt neben dem Baby? Miteinander erotische Wünsche austauschen, eine romantischen Atmosphäre gestalten, Hautkontakt pflegen, zärtliche Worte aussprechen, experimentieren und mit Zuversicht sich an ein neues sexuelles Repertoir heranwagen, all diese Dinge helfen, um aus einer Phase der Unlust herauszukommen und die Beziehung wieder attraktiver zu gestalten.

 

Was tue ich als Mutter, wenn das Kind nicht mehr zum Vater will?

Doris Beerli: Mit dieser Frage werden die meisten getrennt lebenden Eltern irgendwann mal konfrontiert. Es ist eine vielschichtige Frage, bei der es “ums Verstehen” des Kindes, seiner Beweggründe und seiner momentanen Erlebniswelt geht. Eine Frage, die beide Elternteile angeht, nicht nur die Mutter. Eine Frage, die sie nur gemeinsam und zusammen mit dem Kind klären können.
Kinder sind wie Seismografen, sie nehmen jegliche Spannungen auf, auch die noch so verdeckten. Darf oder will das Kind die Mutter nicht alleine lassen, weil sie sich traurig und einsam fühlen wird, wenn es beim Vater ist? Redet der Vater schlecht über die Ex und ist das Kind im Loyalitätskonflikt? Ist die “neue Freundin” beim Vater und das Kind wäre lieber mit ihm allein? Darf es die Zeit mit dem Vater nicht geniessen, weil die Mutter auf ihn noch böse ist? Hat es Abmachungen mit Spielgefährten, die es nicht verpassen will?
Wichtig ist, dass das Kind sein Unbehagen ausdrücken kann, dass es nicht zum Spielball wird für unerledige Paarkonflikte, dass seine Beweggründe ernstgenommen und verstanden werden. Wichtig ist aber auch, dass der Kontakt zum Vater wie zur Mutter von beiden Eltern als selbstverständlich deklariert wird und dass beide Eltern das Kind darin unterstützen, dass für ihn der Pendel zwischen den beiden Zuhause immer wieder möglich ist.

 

Brauchen Kinder einen Vater?

Doris Beerli: Ja natürlich, Kinder brauchen Mutter und Vater. Bereits bei der Zeugnung braucht’s den Vater, für das Leben braucht es ihn erst recht. Die beste Mutter kann dem Kind den Vater nicht ersetzten. Die Mutter ist für die primäre Beziehung, für die Geborgenheit, für “das Nest” zuständig. Damit das Kind flügge werden, die Welt entdecken und erobern, sich in der Welt zurecht finden kann, dafür braucht das Kind den Vater. Väter helfen, die symbiotische Beziehung, die zu Beginn zwischen Mutter und Kleinkind besteht und bestehen muss, aufzuweichen. Sie sind für das Kind nach der Mutter die nächsten, die ihm ein Beziehungsangebot machen und dadurch helfen sie ihm, sich auch auf weitere Menschen, ausserhalb der Familie, einzulassen. Väter sind das Tor zur Welt für das Kind.

Was ist eine „schlechte Kindheit“?

Doris Beerli: Für mich ist eine schlechte Kindheit dann, wenn ein Kind in seiner Einzigartigkeit nicht angenommen, willkommen geheissen und geliebt wird. Kinder brauchen ein bedingungsloses Beziehungsangebot und das Gefühl vermittelt, so wie ich bin bin ich ok.

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