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Ein Leben lang Scheidungskind?

Scheidungskind
Saskia
Geschrieben von Saskia

Lebenslange Immunbeeinträchtigungen!

Derzeit leben rund 15 Millionen Erwachsene in Deutschland, die sich früh von einem gemeinsamen Familienleben mit Mutter und Vater verabschieden mussten. Denn seit den 90er Jahren hat die Anzahl der Scheidungen Höchststände erreicht. Doch prägend ist weniger die Trennung der Eltern an sich, sondern die Frage, wie sich die familiären Beziehungen danach entwickeln, wie das Erlebte verarbeitet wird und inwiefern es das Leben erwachsener Trennungskinder beeinflussen kann. Einmal Scheidungskind, immer Scheidungskind? 


Gehen Eltern im Streit auseinander, bedarf es häufig einer langen Zeit, bis sich die Wogen wieder geglättet haben. Und manchmal ist gar kein harmonisches Miteinander mehr möglich. Schlammschlachten, die vor Gericht enden und Kinder, die von ihren Eltern genötigt werden “sich zu entscheiden”? Da sind Loyalitätskonflikte und Erkrankungen vorprogrammiert.

Ein Leben lang Scheidungskind!

So erging es auch Madeleine*. Sie war 18 Jahre alt, als sich ihre Mutter von ihrem Vater trennte. Obwohl die Ehe längst vor dem Ende stand, zog die Mutter ‘aus Liebe zu ihren Kindern’ erst nach 25 Jahren und täglichen Auseinandersetzungen einen Schlussstrich. Der ‘Absprung’ gelang ihr allerdings nur, weil sie einen neuen Mann kennenlernte, mit dem sie direkt die nächste Beziehung eingehen konnte.

“Ich war erleichtert und dachte, das sei endlich der so lang erhoffte Neuanfang. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich meine Mutter oft getröstet, weil sie innerhalb ihrer Ehe sehr unglücklich war. Ich fühlte mich für sie verantwortlich. Zudem saß sie bereits mehrere Male mit gepackten Koffern vor der Haustüre und ich dachte als Kind oft, dass sie sich vielleicht etwas antun könnte oder ihr Leben ohne uns weiterführt. Mein Vater teilte mir mit neun Jahren mit, dass er mich eigentlich gar nicht wollte und meine Mutter war ausschließlich mit ihrem eigenen Leid, das sie sich ja selbst zufügte, beschäftigt. Um uns Kinder ging es eigentlich nie. Nach der Trennung war klar, dass ich bis zu meinem  Abitur zu meiner Mutter ziehen würde, da ich zu meinem Vater nie ein inniges Verhältnis hatte, aber ich kam mit dieser Situation ganz gut zurecht”, erinnert sich Madeleine.

Doch anstatt als Familie neu zusammenzufinden, gingen die Probleme darauf erst richtig los.

“Meine Mutter war gar nicht mehr ansprechbar und distanzierte sich plötzlich von mir. Meine restlichen Geschwister hatten bereits eigene Familien. Sie und ihr neuer Partner verlangten von mir, mehrmals vor Gericht gegen meinen Vater auszusagen. Unter anderem ging es um Unterhaltsforderungen. Jedes Treffen, das ich von da an mit ihm hatte, wurde einer negativen Bewertung unterzogen. Ich musste mir anhören, dass ich damit meiner Mutter und ihrem Lebensgefährten in den Rücken fiel. Mir wurde sogar unterstellt, dass ich über sie herziehen und über Dinge reden könnte, die sich vor Gericht negativ auf sie auswirken könnten. Zudem war er nicht mehr mein Vater, sondern wurde von ihnen nur noch ‘Erzeuger’ genannt. Ich hatte nie ein gutes Verhältnis zu ihm, allerdings war es für mich unerträglich, mich entscheiden zu müssen und gegenüber meiner Mutter hatte ich laufend Schuldgefühle.”

Da sich Madeleine mehr und mehr von der Familie distanzierte, wurden die Konflikte immer tragischer und eskalierten. Das Verhältnis zu ihren Eltern zerbrach fast völlig und die junge Frau fiel nach dem Abitur in ein tiefes Loch. Das lag allerdings nicht an der Scheidung, sondern an dem gestörten Verhältnis zu ihren Eltern, das auch schon vor der Trennung bestand und sich ab der Scheidung zuspitzte.

“Ich funktionierte nur noch, nahm nicht an meiner Abiturfeier teil und danach ging trotz Praktika, Studium und Jobs über Jahre hinweg gar nichts mehr. Ich hatte nie eine unbeschwerte Kindheit und musste zu schnell erwachsen werden. Mit dem Ende meiner Schulzeit merkte ich zum ersten Mal, welche Last ich seit meiner Kindheit mit mir herumtrug und dass bis zu diesem Zeitpunkt nie jemand für mich da gewesen ist. Mein Körper sowie meine Seele streikten und mein Selbstwertgefühl war vollkommen zerstört. Und obwohl ich ganz genau wusste, dass ich nichts falsch gemacht und ein Recht darauf hatte, mich zu schützen und Abstand von meiner Familie zu nehmen, machte mich diese Situation krank. Mein Freundeskreis zerbrach und einige Monate später wurde mir und meiner damaligen Therapeutin langsam aber sicher bewusst, dass ich an einer Depression und an Magersucht litt. Ich hatte nicht nur meine Familie, sondern auch mich selbst verloren.”

Wie geht es Madeleine heute?

Sie litt fünf Jahre an Anorexie, darauf folgte eine bulimische Phase. Mittlerweile ist sie 32 und hat beide Krankheiten aus eigener Kraft und ohne familiäre Hilfe überwunden. Die Beziehung zur Mutter hat sich zwar verbessert, aber ein inniges Verhältnis ist für sie nicht mehr möglich. Zu ihren Geschwistern und ihrem Vater hat sie den Kontakt abgebrochen. Und wie steht es um eine partnerschaftliche Beziehung und Kinder?

“Bislang habe ich keine Kinder, aber die kommen hoffentlich noch. Ich befürchte nicht, die gleichen Fehler zu machen wie meine Eltern. Das liegt vielleicht daran, dass ich innerhalb meiner Familie schon immer ‘anders’ war als der Rest und Verantwortung für mein Leben übernommen und das Geschehene reflektiert habe. So schmerzhaft meine Kindheit auch war, bin ich immer meinen Weg gegangen und habe gelernt, dass das auch ohne elterliche Vorbilder möglich ist. Um die Vergangenheit zu verarbeiten, habe ich mehrere Therapien gemacht. Es ging dabei weniger um die Scheidung meiner Eltern und mehr um meine Kindheit, Jugend und dieses ständige Gefühl, nicht geliebt zu werden. Das hatte nichts mit der Trennung, sondern mit unseren Beziehungen untereinander zu tun. Dass das Verhältnis zu meiner Mutter heute etwas besser ist, liegt auch an ihrem jetzigen Mann. Er ist das erste männliche Familienmitglied, zu dem ich aufschauen kann und der mich gut und liebevoll behandelt. Mein Vater sowie die restlichen Lebensgefährten meiner Mutter gaben mir immer sehr deutlich zu verstehen, dass sie zu mir keine Beziehung aufbauen wollten und es gab einige demütigende Situationen. Mein Körper hat sich seit meiner Jugend nicht mehr vollkommen erholt, beziehungsweise reagiert sehr sensibel auf Stress.  Zudem verfolgte mich in partnerschaftlichen Beziehungen immer wieder der Gedanke, nicht gut genug zu sein und ich habe schnell Schuldgefühle entwickelt. Diese Gedanken und Verhaltensweisen habe ich aber mittlerweile erfolgreich minimiert. Und es gibt weitere Dinge, auf die ich sehr stolz bin. Mich selbst als liebenswerten Menschen anerkennen zu können, mein Leben trotz zahlreicher Umwege und dunkler Zeiten zu meistern und meine Familiengeschichte anzunehmen. Aus negativen Erfahrungen lassen sich natürlich schlecht positive machen, allerdings habe ich hilfreiche Schlussfolgerungen daraus ziehen können. Ich glaube, ich bin durch all diese Hürden zu einem sehr verständnisvollen, umsichtigen und starken Menschen geworden.

*Name von der Redaktion geändert

Lebenslange Immunbeeinträchtigungen

Bislang gibt es nur wenige Langzeitstudien darüber, wie sich eine Scheidung der Eltern auf ihre Kinder auswirkt. Dennoch ist nachweisbar, dass bei einem Scheidungskind das Erlebte auch noch Jahrzehnte später und vor allem während der Gründung einer eigenen Familie psychische sowie körperliche Erkrankungen hervorrufen kann.

Das zeigt Madeleines Fall und auch die Langzeitstudie des Scheidungsforschers Ulrich Schmidt-Denter aus den 90er Jahren, für die er den Alltag von 60 Scheidungsfamilien untersucht hat. Haben es die Eltern geschafft, auch nach der Trennung respektvoll miteinander umzugehen und Konflikte nicht auf dem Rücken der Kinder auszutragen, sowie neue und intakte partnerschaftliche Beziehungen aufzubauen, ging es auch den Kindern besser (Quelle: Deutschlandfunk Kultur).

Auch eine aktuelle US-Studie der Carnegie-Universität in Pittsburgh verdeutlicht, dass laut des Studienleiters Michael Murphy erwachsene Scheidungskinder unter “lebenslang anhaltenden Immunbeeinträchtigungen” leiden. Darunter fallen zum Beispiel höhere Anfälligkeiten für Herzinfarkte und für grippale Infekte und auch das Allergierisiko sei höher als bei Erwachsenen, die in einem intakten Elternhaus aufgewachsen sind (Quelle: Berliner Morgenpost).

Alles kann, nichts muss!

Und daher warnen Psychologen, Soziologen und Scheidungsexperten davor, allgemeine Schlüsse darüber zu ziehen, wie sich eine Trennung der Eltern auf ihren Nachwuchs auswirkt. Selbst wenn ein Scheidungskrieg entfacht wurde und die Eltern danach keinen respektvollen Umgang mehr miteinander pflegen, muss ein Scheidungskind keinen langfristigen Schaden davontragen. Ein verlässlicher Freundeskreis, gute Bewältigungsstrategien und eine eigene intakte Beziehung können dabei behilflich sein, einen ganz anderen Weg einzuschlagen.

“Von „Ich heirate nie“ über „Ich heirate erst, wenn ich mir ganz sicher bin“ bis hin zu „Wenn es nichts wird, gehe ich mit meinen Kindern ganz anders um“. Wobei selbst der schönste Vorsatz keine Garantie beinhalte, es am Ende besser zu machen. „Zwangsläufigkeiten gibt es nirgendwo im Leben“, so der Scheidungsexperte Uwe Jopt (Quelle: Frankfurter Allgemeine).

 

Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass sich jeder Elternteil über seine Verantwortung den eigenen Kindern gegenüber bewusst sein sollte. Verletzte Gefühle hin oder her, die Konflikte mit dem Ex-Partner oder der Ex-Partnerin sollten niemals auf dem Rücken des Nachwuchses ausgetragen werden.

Titelbild: © Photographee.eu

Über den Autor

Saskia

Saskia

Noch keine eigenen Kinder, aber immerhin vierfache Tante. Mein Vorteil? Ich wickel, kuschel, darf (hin und wieder) erziehen, spielen, rumalbern und die Knirpse wieder den Eltern übergeben, wenn ich eine Pause von all dem benötige. Das klingt natürlich gemein, aber wenn der eigene Nachwuchs irgendwann da ist, werde ich den Vollzeitjob als Mama ganz sicher auch nicht mehr missen wollen. Meistens jedenfalls ...

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