Hübsch

“Bei einer Geburt steht die Zeit still” – Kerstin Pukall, Fotografin

Es ist ein Montag und ich kehre zu einer alten Wirkungsstätte zurück  – das Dorf in dem ich meine Jugend verbrachte. Die verschiedenen Straßenecken sind mit Erinnerungen gepflastert – der Fußballverein, dem ich immer noch verbunden bin, alte Freundschaften, die sich auch halten, wenn man sich nicht oft sieht und natürlich das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Ein weiterer Mensch, den ich in dieser Umgebung kennenlernen durfte ist Kerstin. Sie ist Fotografin und hat mit mir und meinem Zwillingsbruder Fotos geschossen, die als Bewerbungsfotos für ein Auslandsjahr dienten. Die sind ihr auch wirklich gelungen. Sie sagt heute noch, dass sie die Fotos sehr mag. Ich stimme zu.

Auf ein Gespräch mit Kerstin Pukall, Fotografin und Familienmensch durch und durch

Auf ein Gespräch mit Kerstin Pukall, Fotografin und Familienmensch durch und durch

Auf ihrer Website steht “Pukall Künstlerische Fotografie”. Die ersten Reiter sind Schwangerschaftsfotografie, Babyfotografie, Aktfotografie, Familienfotografie. So weiß man auch gleich, was ihre Spezialgebiete sind. Ich habe mich mit Kerstin getroffen. Zum ersten Mal seit sieben Jahren. Sie hatte zwischendurch noch einmal Kontakt mit meinem Bruder, der für sie vor der Kamera posierte. Der Grund, warum sie nicht hinter dem Nebel verschwand, der viele Bekanntschaften verblassen lässt, ist der, dass ich ihr Geschehen bei Facebook verfolgen konnte. Ein Hoch auf das Internet, ein Hoch auf den News Feed des sozialen Netzwerks!

Ich komme also in Borstel an. Dort ist Kerstins Atelier. Sie entdeckt mich schon durch ihr Fenster und winkt mit einem freundlichem Grinsen. Schnell kommt sie zur Tür und ein “Na, Dennis!” erklingt – als würden wir uns regelmäßig über den Weg laufen. Einfach freundlich, denke ich. Dann gehts an einen alten Holztisch in ihren Arbeitsräumen – mit Kaffee und schokoladen-überzogenen Reiswaffeln.

Dann fangen wir also an zu schnacken, wie man bei uns im Norden sagt. Wie kommt Kerstin eigentlich darauf sich besonders auf Schwangerschaft und Babys zu spezialisieren? Oft sehe ich, dass sie eine Meinung zu Familienthemen hat und dies auch öffentlich teilt.

Eigene Erfahrungen, die Zeit & die Gewohnheit

Das liegt zunächst wohl daran, dass die gelernte Fotografin vier eigene Kinder hat. Sie durfte das Privileg genießen für das Kind da zu sein. Sie kann ihre Arbeit selbst einteilen, ihr Mann arbeitet auch meist von zu Hause. “Oft wird sich die Zeit einfach nicht mehr genommen”, führt Kerstin aus. Es ist Fakt, dass nur die Frau schwanger werden und auch selber stillen kann. Also muss die Frau sich auch zurücknehmen, wenn es soweit ist – im Gegensatz zu Work-Moms, wie zum Beispiel Sheryl Sandberg, der Geschäftsführerin von Facebook.

Kerstin ist eine durch und durch moderne, emanzipierte Frau, aber sie kennt eben auch die Grenzen der Biologie. Wenn das Kind geboren ist, sollte das Sich-Zeit-Nehmen nicht enden. Viele wundern sich, dass das Kind, sobald es auf Papas Armen ist, anfängt zu weinen, zu kreischen und zu schreien. “Ist doch logisch”, meint Kerstin. Das Kind lebt neun Monate im Bauch der Mutter, kennt ihren Herzrhythmus, ihre Stimme, ihren Geruch und die Bewegungen. Im Bauch ist es warm, feucht und ruhig. Wenn es auf einmal mit einer ganz anderen Person, mit anderer Stimme, Herzfrequenz, Geruch, rauerer Haut etc. konfrontiert wird, dann ist es überfordert. “Ja, ist logisch”, denke ich jetzt auch. “Ich bin heil froh, dass ich meine Kinder die ersten 3 Jahre bei mir zu Hause haben konnte. Ist das doch die wichtigste Prägung für einen Menschen. Nähe, Liebe, Bindung und Urvertrauen. Leider heute gar nicht mehr selbstverständlich“, stellt sie nachdenklich fest.

Die Fotografie

“Warum fotografierst du so gerne Frauen?”, möchte ich wissen. Sie sagt, dass die Körper der Frauen schöner sind, als die der Männer. Wieder stimme ich Kerstin zu. Eine kurvige Frau gilt immer noch als sexy, als sehr weiblich. Man kann die Frauen in der Natur positionieren und bekommt authentische, verführerische Fotos. “Stell’ mal einen pummeligen Mann neben einen Baumstamm”, fügt sie sarkastisch hinzu ohne dies böse zu meinen. Des Weiteren hatte sie am eigenen Körper erlebt, wie man sich verändert, wenn man selbst schwanger wird. Sie mochte sich nicht unbedingt. Sie, die Fotografin, die die Schönheit einfängt und weiß, welcher Winkel eine Frau noch schöner erscheinen lässt, mochte sich lange nicht anschauen. “Flacher Po, flache Brüste – ein Brett”, sei sie gewesen. Und mit der Schwangerschaft kam die Transformation. Sie wurde, wie sie so schön sagt, “auf einmal 3D”. Eine unglaubliche Erfahrung.

Was auffällt, ist, dass Kerstin gerne Babies auf der nackten Haut der Eltern fotografiert. Nicht nur, weil es ein schönes Motiv ist, sondern weil die Kleinen sich dann besonders wohl fühlen. Man sollte das auch nach der Geburt machen  – Bonding nennt sich das. 48 Stunden nach der Geburt, sollte das Kind bei seinen Eltern ankommen dürfen um beiderseits eine Bindung aufbauen zu können. Dies kann man fördern, indem man das Kind direkt nach dem Auf-die-Welt-Kommen auf die Brust der Mutter legt. Und wenn sich der Vater noch dazu kuschelt, umso besser. Studien belegen, dass dies für die Kinder förderlich ist.

Die Geburt

Ein Kritikpunkt ist, dass gerade das Bonding in den Krankenhäusern zu wenig Beachtung findet. Meistens werden die Kleinen in Krankenhausroutinen in ein Handtuch gewickelt, sofort untersucht (was auf keinen Fall verkehrt ist) und dann mit Gewand der Mutter überreicht. Diese kommen oft gar nicht auf die Idee ihr Neugeborenes “auszupacken”. Der Verein zur Unterstützung der WHO/UNICEF-Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus“ (BFHI) e. V., kurz: babyfreunlich, zertifiziert Krankenhäuser, die Bonding, Stillen und die Eltern-Kind Bindung im Allgemeinen fördern. Man könnte den Eindruck haben, dass die “normalen” Krankenhäuser Fließband-Arbeit abrichten, denke ich mir, während ich Kerstin zuhöre. Da heißt es dann “Hallo Frau XYZ, legen sie sich mal aufs Bett. Wir geben ihnen mal eine PDA, dann wird schon alles.” Die PDA bewirkt auch Taubheit – eine Art Querschnittslähmung – man kann also nicht wirklich unterstützend, durch Pressen und Drücken, bei der Geburt mithelfen, geschweige denn aufstehen und sich bewegen.

Bewegung ist aber ganz wichtig. Kerstin erzählt von einer der vielen Geburten, die sie mit ihrer Kamera begleiten durfte. Eva hatte eine außergewöhnliche Geburt. Sie ist Südamerikanerin und bekam ihr zweites Kind zu Hause. Eva wusste instinktiv, was sie machen sollte und wollte. “Wenn du Schulterschmerzen hast, dehnst du automatisch deine Arme oder deinen Rücken – bei der Geburt ist es das gleiche. Die Frau weiß durch Intuition, was sie zu tun hat”. Sie ist ständig aufgestanden, ist zum Fenster gegangen, hat sich hingelegt, wieder aufgerichtet, dann in die Hocke – alles ohne Anleitung. Die zwei Hebammen unterstützten sie lediglich in ihrem Tun. Und kurz vor der Geburt stand sie im Raum und hat ihren ganzen Körper nach links und rechts schwingen lassen. Kerstin vergleicht es mit “einem Baum im Wind”. Und dann kam das Kind zur Welt. “Eva mit ihrem Neugeborenem – direkt nach der Geburt – sieht unheimlich glücklich aus”. Kerstin weiß, dass sie ein Privileg genießt, bei etwas so intimen und wunderbaren dabei sein zu dürfen. Sie fühlt sich mit in die Geburten hinein. Oft ist es so, dass man mehr als acht Stunden wartet, bis sich etwas tut. Das merkt man aber gar nicht. “Bei einer Geburt”, so Kerstin,  “steht die Zeit still”.

Die Hebammen

Die meisten werden es wohl mitbekommen haben. Der Beruf der Hebamme ist in Gefahr, weil keiner mehr für eine Haftpflichtversicherung aufkommen will. “So ganz sauber läuft das wohl nicht ab”, meint Kerstin. Ihre Schwester ist Hebamme. “Seit 25 Jahren hilft sie Frauen bei Hausgeburten. Da ist nie etwas passiert. Hebammen sind deutlich besser, erfahrener und professioneller als man uns glauben machen möchte!”, konstatiert sie. Ihre Schwester hat sie bei ihrer letzten Geburt begleitet. “Die Hausgeburt-Hebammen haben so viel Erfahrung und Einfühlungsvermögen – bevor etwas schief geht, wissen die, wann man ins Krankenhaus muss, so dass kein erhöhtes Risiko besteht. Und genauso die Hebammen in den Krankenhäusern. Würde man die Frauen mit ihren Hebammen in Ruhe lassen, wären viele Komplikationen gar nicht vorhanden”, betont die Fotografin.

Kerstin setzt sich deswegen für sie ein. Auf ihrer Facebook-Seite hat sie unter anderem den Link zu Nora Imlaus offenen Brief geteilt und ein Logo mit einem Herz in dem steht “Rettet UNSERE Hebammen”.

Und wenn ihr gerne Fotos von euch und euren Kleinen bei Kerstin machen lassen wollt, könnt ihr euch auf ihrer Facebook-Seite und auf ihrer Website informieren und euch ihre Arbeiten anschauen. Wenn ihr tolle Bilder haben wollt, dann seid ihr bei ihr richtig.

Titelbild: Pukall Künstlerische Fotografie

Galerie: Pukall Künstlerische Fotografie

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Redaktion ma-gazin

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